7 Anlegen

Es ist vollbracht: Das Ergebnis wochenlanger Arbeit (mit viel (Angst-) Schweiß, Tränen, Auseinandersetzungen mit dem Partner, Wut- und Freudenschreien, Übermut und Verzweiflung) liegt in Form einer putzigen kleinen Cassette, dem DAT-Master, in der Hand. Nun folgt nur noch das Anlegen der Musik im Post-Production-Studio, was sich meist sehr angenehm gestaltet, denn der Druck ist von einem abgefallen, - der/die Cutter(in) erwartet die Musik schon sehnsüchtig, denn sie ist "das Sahnehäubchen", das letzte Element, das den Bruchstücken des Films endlich Fluß gibt, endlich den göttlichen Odem einhaucht und so wird man hofiert und als Glücksbringer gepriesen (wenn alles gut gegangen ist).

Da manche Musikstücke mit einer sehr weichen Attackphase beginnen, ist es für das Anlegen von Vorteil, beim Abmischen der Filmmusik vor Beginn des ersten Klangs jeweils einen Cue-Point in Form eines kurzen, perkussiven Sounds aus dem MIDI-Expander (etwa 'Woodblock') zu legen (wie "die Klappe" im Filmton). Dieser darf natürlich nicht versehentlich verhallt werden (!). Da die Musik ja erst bei Takt 3 beginnt, kann man ihn z.B. immer auf Takt 2 legen. Eine Liste mit sämtlichen SMPTE-Startzeiten, die sich dann auf diesen Cue- Point beziehen, beschleunigt das Anlegen ebenfalls.

Obwohl nach wie vor mit Perfobändern gearbeitet wird, sind HD-Rec.-Systeme für Bildschnitt und Tonnachbearbeitung deutlich "im Kommen". Die Gründe: Man arbeitet einfach schneller, es können bei Bildschnitt und Tonbearbeitung viel leichter Alternativen ausprobiert werden (was den Zeitvorsprung wieder relativiert), Audiomaterial kann vielfältiger bearbeitet werden (Pitch-Shift, Timecorrection, Fades etc.), die Qualität der Audiosignale ist besser (keine Verluste durch zahlreiche Umspielungen), mehr Spuren können gleichzeitig abgehört und bearbeitet werden (am Schneidetisch kann man nur zwei Perfobänder anlegen), man kann non-linear editieren (Inserts), kurzum: die Qualität der Produktion ist einfach besser und meist in kürzerer Zeit erreicht.



7.1 AVID-System mit 'AudioVision'

Ein, für Bildschnitt und Tonnachbearbeitung sehr verbreitetes System ist das 'AVID-System'. Audioseitig benutzt es die Digidesign-Hardware (Wandler, Audio-Interface, Accelerator-Karte etc.). Das Bild wird, in komprimierter Form, zusammen mit den Audio-Files auf mehreren Festplatten mit einem Gesamtspeicherplatz von bis zu 50 Giga-Byte gespeichert und auf großen 21''-Monitoren dargestellt.

Als Software werden die Programme 'Media Composer' und 'Audio Vision' benutzt, wobei 'Media Composer' eher zum Bildschnitt (+Audio) und 'Audio Vision' -nomen est omen- für die Tonbearbeitung (+Bild) verwendet wird.

Die Filmmusik wird, wie in 3.3 dargestellt, digital überspielt und dann angelegt. Ist das Master-DAT ohne Timecode, also frei laufend erstellt worden, so kommt nun der letzte potentiell aufregende Moment für den Filmkomponisten: Passen die Tempi, also die Längen ?

Passen sie nicht, so ist dies mit dem AVID/AudioVision-System kein Problem, denn die Zeitunterschiede betragen maximal 1-3 frames, und das nur bei wirklich langen Stücken (2 bis 4 Minuten). Eine Timecorrection ist also nur in geringfügigem Maße nötig, die Audioqualität nimmt keinen hörbaren Schaden.

Ein Rechenbeispiel: Angenommen, die Musik hat sich innerhalb von 4 Minuten um 3 frames nach hinten verschoben, so ist ein Timecorrection-Faktor von 0.9995 erforderlich, um den Musik-Cuepoint wieder in zeitlichen Einklang mit dem Bild-Cuepoint zu bringen (4 Minuten = 6000 frames bei 25er EBU-Timecode, 5997: 6000 = 0,9995)

Zum Glück nimmt einem 'Audio Vision' dererlei Berechnungen ab, denn dort gibt es die Funktionen: 'Fit to marks' - 'Pin to Head' und 'Pin to Tail'.

Zum Einsatz der Funktion 'Fit to marks' setzt man eine Marke an einer bestimmten Timecode-Adresse im Bild (Cue-Point) und eine Marke an die Timecode-Adresse in der Musikspur, die an den Cue-Point im Bild angepaßt werden soll. Hat man beide Marken gesetzt, so berechnet 'Audio Vision' nach Anwahl des Menu-Punktes 'Fit to marks' automatisch den, für eine Angleichung der Cue-Points benötigten Timecorrection-Faktor und führt die 'Zeitkorrektur' aus.

Die Funktion 'Pin to Head' nimmt den Anfangspunkt des Takes als Referenz, läßt ihn also dort wo er ist, und korrigiert den Rest, wodurch das Ende verschoben wird.

Die Funktion 'Pin to Tail' macht es genau umgekehrt und läßt das Ende des Takes dort, wo es ist, veschiebt also den Anfang.

Durch die Pitch-Shift-Funktion lassen sich "in vorletzter Minute" noch Musiken an musikalisch tonale Geräusche anpassen ("stimmen") bzw. Geräusche an Musiken.

Seit der 'AudioVision'-Version 3.5 lassen sich ProTools III-Files im 'AudioVision' weiterverarbeiten. Nach einem Export aus ProTools können komplette Arrangements in 'AudioVision' importiert werden. Das bedeutet: Wurde die Musik auf einem ProTools III-System produziert, so entfällt das 'Anlegen' komplett, denn der Komponist hat die Musik zum Arbeiten ja ohnehin schon 'angelegt'. Er braucht nur mit seiner Festplatte im Post-Production-Studio zu erscheinen, die Festplatte an das AVID-System anzuschließen und die komplette Filmmusik, framegenau angelegt, kann einfach eingeladen und zur Filmmischung gegeben werden.

Ein weiterer Vorteil des AVID-Systems zeigt sich in der Filmmischung. Dort können buchstäblich "in letzter Minute" noch Musiken ohne viel Aufwand verschoben oder kopiert werden. Es ist nicht unüblich, daß z.B. dem Regisseur erst in der Mischung auffällt, daß er an einer bestimmten Stelle doch gern eine Musik hätte. Würde dafür nicht die tolle Musik aus der Traumsequenz passen? In einem HD-Rec.-System wie 'AVID' ist dies tatsächlich machbar, denn das Kopieren und neu Anlegen ist dort eine Sache von Sekunden. Und Sekunden sind bei einer Filmmischung sehr wertvoll, denn diese kostet viel - Geld.

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