9 Schlußtext

Wie aus den vorangegangenen Kapiteln ersichtlich wurde, ist der Beruf des Filmkomponisten sehr vielfältig. Vielfältig in Hinblick auf die von ihm verlangten Fähigkeiten (er muß Komponist, Interpret, Tontechniker und Produzent von Musik sein, über filmtechnisches und filmästhetisches Wissen verfügen und dementsprechend mit Regisseuren reden können und er muß letztendlich auch Organisator, Buchhalter und Jurist sein).

Vielfältig sind aber auch die musikalisch künstlerischen Herausforderungen, denen er immer wieder begegnet. So ist der erwähnte Dienstleistungscharakter der Filmmusik Fluch und Segen zugleich: Fluch, weil man sich, besonders wenn man Meinungsverschiedenheiten mit dem Regisseur hat, am Rande von "künstlerischer Prostitution" bewegt und sich tatsächlich als "Musik-Hure" vorkommen kann. Segen, weil man sich, sozusagen gezwungenermaßen, in Musikstile und Genres begibt, die man vorher nicht kannte und freiwillig nie ausgeübt hätte.

"Das Schöne an dem Beruf des Filmmusik-Komponisten ist, daß es beinahe nie dieselben Aufgabenstellungen gibt, daß sich gewisse gefährliche Routinemuster erst gar nicht einschleichen können. Man muß immer nach speziellen Lösungen für den jeweiligen Film suchen. Dadurch wird man gefordert und muß sich ständig weiterbilden." 20

Das Schöne ist aber auch, daß man sein "Hobby zum Beruf" machen kann, denn Filmmusik ist eine reale Möglichkeit, mit seinen musikalischen Fähigkeiten Geld zu verdienen, ohne berühmt werden zu müssen oder in einer Tanzband zu (ver-)enden. Auch muß man kein akademisch geschulter Komponist sein, denn es kommt bei der Filmmusik mehr darauf an, die Seele des Films zu erkennen und diese musikalisch zu treffen.

Um in diese Gelegenheit zu kommen ist es am Besten, man beschäftigt sich als Musiker mit dem, worauf es bei der Filmmusik ankommt: mit dem Film. Eine gute Möglichkeit, die Produktion eines Films kennenzulernen ist, sich an einer Filmhochschule (wie z.B. die dffb in Berlin) als Mitarbeiter für alle Belange des Tons zur Verfügung zu stellen um dann eine Filmmusik für eine Studentenproduktion zu erstellen, natürlich ohne Honorar, aber nicht umsonst, denn man lernt eine ganze Menge über sämtliche, mit der Herstellung eines Films zusammenhängenden Arbeiten, Techniken und Kommunikationsformen und vielleicht ist der Student von heute ja der Star von morgen. Wolfgang Petersen ('Das Boot') war z.B. Student an der dffb.

"Ein Filmkomponist muß (noch vor der Beherrschung seines Handwerks) den Film und die Handlung verstehen, - sich einfühlen können. Er muß Situationen des Lebens (Angst, Leid, Schmerz, Brutalität, Hoffnung u.a.) zutiefst kennengelernt und erlebt haben, - erst dann läßt sich Filmmusik schreiben. Filmmusik ist ihrem Wesen nach eine un-akademische Kunst. Filmmusik ist situative Musik. Das heißt - Filmmusik ist eine Musik, die immer auf menschliche Situationen, Stimmungen, auf sozialen Kontext bezogen ist, und deshalb an uralte Bindungen erinnert, die der europäischen Kunstmusik recht fremd geworden sind: Musik begleitete Geburt, Feste, Arbeit, Trauer, Tod und war identisch mit religiösen und medizinischen Ritualen; Musik konnte nie losgelöst vom praktischen Lebensvollzug existieren. In Filmmusik hat sich heute etwas von diesem Archetypischen der Musik gerettet. Oder moderner formuliert: Filmmusik ist eine Art angewandter Musikpsychologie. Filmkomponist ist der intuitiv begabte Musiker, der zur Charakterisierung von Stimmungen und zur Mitteilung von Unaussprechlichem die richtigen Klänge, Töne und Rhythmen findet und dabei nie den Kontakt zu den Hörenden außer acht läßt. Insofern ist Filmmusik auch angewandte Musiksoziologie. Sie kann nur funktionieren, wenn hier (meist unbewußt) ein Wissen über den Zusammenhang der Hörer, als vergesellschafteten Einzelwesen, und die Musik selbst zur Anwendung kommt.

Ist Filmmusik eine Kunstform? Ja! " 21

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